textschmied

Jörg Wunderlich | Autor und Journalist ( DFJV ) | Kommunikation und Gestaltung

Radiofeature über die Macht der Trendfarbe Grau

Posted on | Oktober 12, 2015 | No Comments

Grau_jw_9 Grau umgibt uns, und wir ignorieren es. Grau als Geisteszustand. ( Derek Jarman: Croma. Ein Buch der Farben )

Fassaden, Autos, Möbel oder Kleidung – allem Anschein nach beherrschen derzeit Grautöne große Teile des Farbspektrums im öffentlichen Raum, bestimmen die Farbgebung in Architektur, Design und Alltagswelten. Grau gilt als sachlich, seriös und neutral, aber auch als subtil, elegant und universell. Das Grau scheint so etwas wie eine Farbmetapher unserer Zeit zu sein. Mehr noch – es durchdringt uns sogar physisch. Was verbirgt sich hinter dem allgegenwärtigen Farbverzicht und welche Rolle spielt das Grau in Sprache, Mythologie und Kulturgeschichte? Das Feature geht dem Phänomen GRAU auf den Grund. Es begibt sich an graue Orte im urbanen Raum und ist zu Gast im Farbarchiv eines Trendscouts, im Studio einer Farbpsychologin oder in den grauen Räumen eines japanischen Teehauses. Es befragt Forscher und Experten, Künstler und Philosophen über unser Verhältnis zu Farbe und Nicht-Farbe im Zeichen des Grau. ++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ Ursendung: Mi, 18.November 2015, 22:00 Uhr MDR FIGARO Regie: Nikolai von Koslowski Redaktion: Tobias Barth

Sendung nachhören ? –> HIER 

Edeka um vier­tel nach zehn

Posted on | März 20, 2015 | No Comments

Wie mich TTIP zum euro­päi­schen Wut-Citoyen machte

Eigent­lich hatte ich ja geschafft, das Thema TTIP und CETA erfolg­reich zu ver­drän­gen. Zu viel zu tun, Kind & Kegel, eh alles schlimm gerade, Frei­han­del hin oder her. Bis mein Nach­bar und beruf­li­cher Part­ner mich mit sei­ner Sach­kennt­nis über­raschte, mich auf­klärte, mir mit kla­ren Wor­ten ent­schei­dende Hin­weise gab und mich außer dem mit dem Vor­ha­ben kon­fron­tierte, Unter­schrif­ten am euro­pa­wei­ten Akti­ons­tag sam­meln zu wol­len. Ich konnte nicht län­ger zurück­ste­hen und schloss mich spon­tan an. Das Campact!-Paket, wel­ches mein Part­ner bestellt hatte, ent­hielt alles, was pro­tes­tie­rende Bür­ger so brau­chen: Papp­schil­der zum Umhän­gen, Klemm­bret­ter, jede Menge Kugel­schrei­ber, Infof­lyer und die ent­schei­den­den Unterschriftenbögen.

Sams­tag­mor­gen zehn Uhr vor einem deut­schen Super­markt zu ste­hen, ist eine mutige Ent­schei­dung. Die Men­schen sind ver­ka­tert oder par­ty­müde, haben zum Teil blut­un­ter­lau­fene Augen, einen Bären­hun­ger oder waren noch gar nicht im Bett. Womit die Leute anspre­chen und nicht gleich ver­schre­cken? Ich pro­bierte es zuerst mit „Ver­brau­cher­schutz“, dann mit „Demo­kra­tie und Recht­staat.“ Nur nicht gleich mit schwe­rer Poli­tik ins Haus fal­len, immer nett und freund­lich blei­ben. Mein Part­ner fand eine viel ein­fa­chere Methode her­aus: Er wünschte einen Guten Mor­gen. Das zog. Aber auch ich hatte Erfolg. Etwas für die Demo­kra­tie zu tun, wer kann da schon nein sagen?

Unterm Strich lief es gut. Viele Men­schen waren bereits alar­miert, woll­ten auch ohne lange Über­zeu­gungs­ar­beit ihre Unter­schrift set­zen. Die­je­ni­gen, die uns igno­rier­ten, taten das aus Unkennt­nis oder Vor­sicht. Man­che frag­ten skep­tisch und beka­men dann aber schnell Ver­trauen. In kur­zer Zeit hat­ten wir mehr als 70 Unter­schrif­ten auf den Bögen, die ver­teil­ten Flyer noch gar nicht mitgezählt.

Droht ein neuer Absolutismus ?

Je län­ger ich aktiv als Pro­test­ler dastand, umso stär­ker auch meine eigene gedank­li­che Reflek­tion. Was für ein unge­heu­rer Vor­gang, dass unsere regie­ren­den Ver­tre­ter mal eben die beste­hen­den Umwelt- und Ver­brau­cher­schutz­nor­men, das Rechts­sys­tem, die Kommunal- und Tarif­au­to­no­mie und letzt­lich unsere gesamte par­la­men­ta­ri­sche Demo­kra­tie durch bila­te­rale geheime Ver­trags­werke in Frage stel­len. Im Radio und TV wird gro­tes­ker­weise der­weil an die Wen­de­zeit erin­nert und das Lied­chen von der fried­lich erober­ten Frei­heit und Recht­staat­lich­keit zum 24sten Mal wiederholt …

Eines habe ich in dem Vier­tel­jahr­hun­dert Nach­wen­de­zeit mit Bestimmt­heit begrif­fen. Dass eine per Kon­sti­tu­tion unab­hän­gige juris­ti­sche Instanz auf der Grund­lage all­ge­mein aner­kann­ter und ver­bind­lich fest­ge­leg­ter Nor­men einen abso­lu­ten Wert dar­stellt, der ver­tei­digt wer­den muss. Für diese Idee strit­ten Kant, Locke und Mon­tes­quieu, aber auch die Bastille-Eroberer oder Gefan­ge­nen in Baut­zen. Offen­bar wird diese evo­lu­tio­näre Errun­gen­schaft nicht nur von Got­tes­krie­gern oder poli­ti­schen Extre­mis­ten ange­grif­fen. Wenn heute aus­schließ­lich auf Gewinn­ma­xi­mie­rung aus­ge­rich­tete Kör­per­schaf­ten nicht nur eigene Pri­vat­ar­meen und Geheim­dienste, son­dern auch ihre eigene Gerichts­bar­keit instal­lie­ren und wir dies per Ver­trag aner­ken­nen, bege­ben wir uns frei­wil­lig in einen neuen Absolutismus.

Mehr als der Ruf  nach sicherem Bio-Huhn

Die Anti-TTIP-Bewegung ist also wesent­lich mehr als der Schrei von Grün­wäh­lern nach siche­rem Bio-Huhn. Ange­sichts der Gefah­ren für Demo­kra­tie und Rechts­staat kann sie zur Geburts­stunde eines gänz­lich neuen, euro­päi­schen Citoyen-Bewusstseins wer­den. Wenn gerade auf dem gan­zen Kon­ti­nent die Men­schen für eine gemein­same Volks­ab­stim­mung Unter­schrif­ten sam­meln, ist dies allein schon ein star­kes Signal. Ein Europa von unten – als poli­ti­sche Nation gedacht, die sich selbst nicht nur eine Ver­fas­sung, son­dern ein mit gesetz­ge­ben­den Rech­ten aus­ge­stat­te­tes Par­la­ment und eine ver­bind­li­che euro­pa­weit wir­kende und durch­setz­bare Rechts­norm gibt – ist das nicht die logi­sche und not­wen­dige Fort­set­zung der Auf­klä­rung und der poli­ti­schen Pro­zesse seit dem Mit­tel­al­ter und eine Ant­wort auf den Sog der Glo­ba­li­sie­rung? Immer dann, wenn in den letz­ten 200 Jah­ren der Rechts­staat im Dienste einer ver­meint­lich höhe­ren Idee beschnit­ten wurde, lan­de­ten wir in der Bar­ba­rei. Macht man sich diese große his­to­ri­sche Linie in aller Kon­se­quenz klar, steht man auf ein­mal nicht mehr als ver­meint­li­cher Anti-Amerikaner, son­dern sogar als Ver­tei­di­ger der ursprüng­li­chen ame­ri­ka­ni­schen Idee (siehe Ver­fas­sung von 1788 unter „Gewal­ten­tei­lung“) auf der Straße, die von Wirt­schafts­mäch­ten gerade ad absur­dum geführt wird.

erschienen in:  “Hallesche-Störung” im Dezember 2014

Jörg Wun­der­lich

 

Radioessay über den Künstler Erwin Hahs im MDR

Posted on | Dezember 18, 2014 | No Comments

Erwin_Hahs_Selbstbildnis_1923Erwin Hahs zählt zu den Künstlern des zwanzigsten Jahrhunderts, die durch Diffamierung und Verdrängung aus dem öffentlichen Raum in Vergessenheit gerieten. 1919 gehörte er als Mitglied des “Arbeitsrates für Kunst” zur Avantgarde um Gropius, Taut und die Expressionisten der “Brücke”. In Halle wurde er nach seiner Berufung an die dortige Kunstschule “Burg Giebichenstein” zu einem Wegbereiter und Mentor einer spezifisch modernen Maltradition. Sowohl nach 1933 als auch ein weiteres Mal ab 1952 erfuhr er Ausstellungsverbot, die Vernichtung von Werken und den behördlich durchgesetzten Entzug seiner Professur. Von der Idee des Gesamtkunstwerkes durchdrungen, hat Hahs als Maler, Grafiker, Wandgestalter, Bühnenbildner und vor allem als Lehrerpersönlichkeit gewirkt. Zeitlebens blieb er dem geistig-idealistischen Aufbruch der klassischen Moderne innerlich verpflichtet. Im Jubiläumsjahr der Kunsthochschule Burg Giebichenstein erinnert dieser Essay anhand von Tagebüchern, Expertenstimmen und Zeitzeugen an einen ihrer Gründerväter und Meister.

 

Ursendung am 11. Januar 19:05 auf MDR Figaro

Abbildung: Erwin Hahs: Selbstbildnis, Gouache, 1923

(c) Archiv Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle

 

 

Sendung zum nachhören –> HIER

 

 

Leonhard Cohen in deutsch – Album “Poem” erschienen

Posted on | Oktober 2, 2014 | No Comments

poemNachdem ich dieses ambitionierte Projekt im Deutschlandradio vor einem Jahr vorstellen durfte, freute ich mich sehr über die Realisierung des Tribute-Albums “Poem”.

Unglaublich, wer dort welche Songs zum besten gibt. Sehr gelungen finde ich die Beiträge von Fehlfarben, Madsen, Waggershausen, Nina Hagen, Reinhard Mey und Peter Maffay. Respekt und Dank an Misha Schoeneberg für die Mammutleistung. Ich glaube, dass viele der Liederübersetzungen in hiesige Liederabendete und Lagerfeuer einziehen werden.

Schade, dass sich noch niemand an eine Übersetzung von “I can’t forget” gewagt hat.

Wer noch einmal die Geschichte des Projektes in Kurzform hören möchte, kann hier den Radiobeitrag nachhören:

 

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

HEIMAT NEUSTADT – Buchprojekt zum 50-jährigen Jubiläum von Halle-Neustadt

Posted on | Mai 16, 2014 | No Comments

Vor 50 Jahren wurde der offizielle Grundstein  für den Bau von Halle-Neustadt ( »Stadt der Chemiearbeiter« ) , der größten  DDR-Planstadt, gelegt. Der Londoner Fotograf Daniel K. Schweitzer hat sich zurück an seinen Kindheitsort begeben und Menschen portraitiert, die in diesen Stadtteil aufgebaut und ihn geprägt haben oder heute in ihm leben.

Jenseits von den gängigen Klischees über das Leben in der “Platte” werden in dem Buch Menschen portraitiert, die an diesem Ort leben oder aufgewachsen sind bzw. ihn mit geplant oder geprägt haben. Unter anderem kommen der Maler Uwe Pfeiffer, der beninische Künstler und Performer Gregory da Silva, der Architekt und Galerist Harald Zaglmaier oder die ehemalige Oberbürgermeisterin von Halle, Ingrid  Häusler zu Wort.

Ich freue mich, als Autor an diesem Projekt von der textlichen Seite mitgewirkt zu haben. Der reich betextete Bildband ist 2014 im Projekte Verlag Cornelius erschienen und wurde in der Literaturbeilage der Zeitung “Die Welt” erwähnt.

ausgewählte Fotos aus 'Heimat Neustadt'

Portrait- und Architekturfotos aus ‘Heimat Neustadt’ , v.l.n.r.: Joé Kurz, Harald Zaglmaier, Am Tulpenbrunnen (c) alle Fotos: Daniel K. Schweitzer

keep looking »